"LUISE UND DER GELEHRIGE EFEU"


Luise geht wieder ihre Hühn- er „hüten“. Sie lässt die drei aus dem Stall heraus, damit sie im Garten herumlaufen können. Weil der Garten nur ganz klein ist, muss sie nun allerdings aufpassen, damit die Hühner keiner Unsinn anrichten.
Zum Beispiel könnten sie ja Luises einzige fast reife Erd- beere verzehren, oder im Kräuterbeet Verwüstungen anrichten ...

Hierbei bemerkt Luise wieder diesen seltsamen Strauch, der an einer Wegecke des Gartens steht. Er sieht fast aus wie ein Efeu, hat so ein ledriges und dunkelgrünes Laub. Aber: Efeu hat doch ganz andere Blätter, mehr


geteilte – die Blätter dieses Strauches sind nicht geteilt und kaum gebuchtet, zum Teil sind sie fast rund. Außer- dem: Efeu klettert doch, mit langen Ranken, oder??
- Da muss sie doch mal den Gärtner fragen, was das hier für eine Pflanze ist.

Die Gelegenheit ist günstig. Die Gärtner gestalten und bepflanzen gerade einen neuen Gartenteil, mit vielen verschiedenen neuen Gehölz- en und Blumen. Luise ist schon ganz gespannt, wie es hier wohl einmal aussehen wird, wenn dieses alles blüht.

Der Gärtner freut sich über Luises Interesse, und erzählt ihr:

Die Geschichte vom ‚Gelehrigen Efeu’:


„Ein Efeu wächst mit langen Trieben an einem dicken Baumstamm hinauf, immer der Sonne entgegen. Als er oben angekommen ist, gibt er das Klettern auf.
Er bildet jetzt nur noch ganz kurze Triebe mit rundlichen Blättern, und er fängt an zu blühen. Und bildet Beeren, welche die Vögel aufnehmen, und somit seine Samen ver- breiten.
Denn wie jede Pflanze, will auch der Efeu sich vermehr-
en, sich ausbreiten und neue Standorte erobern. Wenn ein Vogel nun die unverdauten Samen aus den Früchten des Efeus ausscheidet, wird er hierbei sehr wahrscheinlich auf dem Ast eines Baumes sitzen.
Und wenn das auf den Boden gefallene Samenkorn dann


auskeimt, und sich ein klein- es Pflänzchen daraus entwi- ckelt, wird dieses wiederum den nahen Baum erklettern wollen, wie es seine Eltern- pflanze getan hatte. Um dort später wiederum zu blühen, und sich damit weiter ver- mehren zu können.

Würde nun das junge Pflänz- chen, wie jede normale Pflanze dieses tut, zur Sonne hin wachsen, käme es nie oben in dem Baum an. Denn der Weg zur Sonne führte ihn ja vom Baumstamm weg, und nicht dort hin.
Also wächst die Pflanze erst mal ins Dunkle hinein, um den Baumstamm zu erreich- en. Erst dann wächst der Efeu mit langen Trieben den Baumstamm hinauf, der Sonne entgegen ... “

Luise fragt sich nun: Woher weiß das Pflänzchen, dass es sich so verhalten muss, um sein Ziel zu erreichen? Warum wächst es nicht, wie jede normale Pflanze, direkt zum Licht?
Der Gärtner erklärt ihr, dass die Pflanze diese Information von ihren Eltern und Ureltern, sozusagen als Erbteil, mitbe- kommen hat. - Weil nämlich alle diejenigen Efeupflanzen, welche sich nicht so verhalt- en haben, viel schlechtere Bedingungen hatten:
Weil die Vögel sie nicht ver- breitet haben, konnten sie sich nicht gut weiter vermeh- ren.

„Aha -, denkt Luise laut, - also ist der Efeu eigentlich gar nicht gelehrig, sondern nur einfach folgsam: Er folgt den Gesetzen der Natur.“
– „Stimmt genau, sagt der Gärtner, darauf bin ich noch gar nicht gekommen!“

Luise fragt: „Aber was hat dies nun mit dem seltsamen Strauch zu tun, der dort in der Gartenecke steht, und der ein Wenig wie ein Efeu aussieht?“

„Nun, die Gärtner kamen auf die Idee, diese ‚Altersform’ des Efeu, - Du weißt, wenn er oben ist, und kurze Triebe, rundliche Blätter und Blüten entwickelt -, könnte vielleicht einen interessanten Strauch abgeben.
Also schnitten sie Teile davon ab und ließen hieran im Glas- haus Wurzeln wachsen. Und tatsächlich, es klappte:
Der Efeu merkte dieses nicht sogleich, und er wuchs als kleines Sträuchlein weiter.“

Luise schaut sich nun ihren ‚Strauch-Efeu’ ein wenig ge- nauer an, und was entdeckt sie?
Da ist doch tatsächlich ein einzelner langer Trieb an diesem Strauch. Eine Ranke, die wieder ganz normale Efeu-Blätter hat. Eine Ranke, welche nun versucht, den nahen Baum zu erreichen. Diese Efeu-Pflanze hat es also doch gemerkt, was die Gärtner mit ihr gemacht haben.
Und die Pflanze versucht nun, dieses zu korrigieren ...!

ALSO DOCH EIN GELEHRIGER EFEU ...!

© A.Osterloh, 2003